„Wildnisgebiete“ auch in Deutschland

Vogelschutz-Komitee beteiligt sich an der großen Naturschutz-Initiative
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie auch unter  http://wildnisindeutschland.de/wir-fuer-wildnis nachlesen

Warum bedarf es aktuell einer ungeheuren Anstrengung des Naturschutzes , „Wildnisgebieten“ den gehörigen Stellenwert im Alltag traditioneller Landnutzung und des Verbrauchs der Naturgüter einzuräumen? - Weil archaische, Ängste vor der „ungezähmten Wildnis“ uns trotz aller modernen Errungenschaften noch immer innewohnen. Diese uralten Ängste verstellen uns den Blick für das wahre Wesen der von Menschenhand unbeschädigten natürlichen Lebensräume und ihrer Vielfalt an biologischen Arten. Sie machen uns blind für die Erkenntnis, welche unersetzlichen Verluste an Naturpotenzial uns die „Zähmung“ der vormals „wilden“ Natur bereitet hat. Die irreparable Zerstörung von Lebensräumen (z.B. Moore) und die Ausrottung von Pflanzen- und Tierarten (z. B. Auerochse)

Die uns unbewusst bleibenden Ängste und die Gewohnheit, dass die Menschen sich in der Natur sprichwörtlich wie „die Axt im Walde“ gerieren, behindern uns in der unbefangenen Erkenntnis, dass „die Dinge dann richtig sind wenn sie darauf zielen, die Ungestörtheit, Stabilität und Schönheit der Lebensgemeinschaft zu bewahren, dass sie sonst in die falsche Richtung gehen“, wie es der amerikanische Altmeister des „Wilderness“-Konzeptes Aldo Leopold (1949: A Sand County Almanac, S. 262) ausdrückte.

LEOPOLD hatte als „game manager“ über lange Zeit es als eine Aufgabe der Nutzer von Lebensräumen und ihrer Tierbestände angesehen, die großen Beutegreifer Bär, Wolf, Luchs und Puma zu dezimieren, um die Bestände der bei den Jägern beliebten Jagdtiere zu fördern. Er meinte, aus der Anzahl dort lebender Hirsche, auf die ökologische Stabilität des jeweiligen Lebensraumes schließen zu können. Dann erkannte er aber, dass eine funktionsfähige, langfristig erfolgreiche Lebensgemeinschaft nicht ohne die Beutegreifer auskommen kann. Und er sah - schon in den dreißiger Jahren , dass wegen der allgemein sich immer weiter ausbreitenden und ständig intensiver werdenden Landnutzung der Fortbestand funktionsfähiger natürlicher Lebensgemeinschaften zunehmend gefährdet war.


Die Bildergalerie zeigt das ostpolnische Waldgebiet von Bialowieza mit etwa 1.500 km², davon aber 2/3 auf weißrussischer Seite. Es stellt das einzige vom Menschen nur wenig beeinträchtigte urwaldgleiche Wildnisgebiet Europas dar. Uralte Baumriesen prägen den Wald, der ausschließlich den natürlichen Entwicklungsprozessen belassenen ist. Seit etwa 600 Jahren wurde dort kein Holz eingeschlagen. Spuren der Zerstörung hat der zweite Weltkrieg hinterlassen. Seinerzeit war der von den Zaren für sich reservierte Waldkomplex ausschließlich dem Schutz und der Bejagung des Wisents vorbehalten; dieser wurde aber 1919 ausgerottet.  Im Jahr 1952 wurden zwei Bullen im Bialowieza Wald erfolgreich ausgewildert, im Jahr darauf zwei Kühe folgten, wurde 1957 das erste Wisentkalb in Freiheit geboren, und derzeit beläuft sich der Bestand auf über 1.000 Exemplare. Mit Wolf, Luchs, Biber Elch und Rothirsch sind unter den insgesamt 56 Säugetierarten, bis auf den dort ausgestorbenen Braunbär, alle zur natürlichen Lebensgemeinschaft gehörigen Säugetierarten präsent. Als „Naturwelterbe“ im Status eines von Eingriffen des Menschen freien, „strengen Schutzgebietes“ ist der Białowieża-Urwald beispielgebend für europäische Wildnisgebiete. Etwa 57.051 ha in der Kernzone des weißrussischen Nationalparks haben den Status „Wildnis-Partner“ im Netzwerk der europäischen Wildnis-Schutzgebiete. Wir danken Dr. Tilman C. Schneider, MSc. für die Bereitstellung der Fotos


So entwickelte er die „restoration biology“, als Grundlage für die Wiederherstellung von Lebensräumen, die durch die Einwirkung der Menschen beschädigt worden sind. Und er entwickelte das Konzept der Sicherung von Lebensräumen als „Wilderness“-Gebieten, die frei bleiben von jeglicher Nutzung der Naturgüter und dort vorkommender Pflanzen- und Tierbestände. Die jeweilige natürliche Lebensgemeinschaft mitsamt ihres Lebensraumes zu erhalten und ihrer ungestörten natürlichen Entwicklung zu belassen ist das Ziel.

Die Einflussnahme des Menschen , der in seiner Entwicklung keineswegs in der angeblichen „Harmonie mit der Natur“ gelebt und gewirkt hat, sondern sich stets in einem eher rücksichtslosen Existenzkampf gegenüber den Bedingungen der „ungezähmten“ Natur behaupten musste, hat zwar eine meist biologisch vielfältige Kulturlandschaft hervorgebracht. Aber der heutige „Naturnutzer“ hat das Maß für die Dinge verloren: Die Wahrung des eigenen Daseins in der Auseinandersetzung mit der Natur ist der unersättlichen Gier nach Land und dessen hemmungsloser Ausplünderung gewichen. Zu Lasten der biologischen Vielfalt, die durch Ausrottung unliebsamer Arten verringert wurde und wird. Wie wir es akut zum Artenschwund im zur Industrieödnis verkommenen Agrarbereich verzeichnen müssen. Aus dem “agrarindustriell“ genutzten „Offenland“ sind z.B. zahlreiche zur ursprünglichen intakten Lebensgemeinschaft gehörige Vogelarten verschwunden oder sie befinden sich aktuell in einem rapiden Bestandesrückgang. Die einst aus „gezähmter Wildnis“ durch Rodung der einstigen Urwälder und Kultivierung der Moore hervorgegangene vielfältige und artenreiche Kulturlandschaft geht mit zunehmendem Tempo in die falsche Richtung. Sie wird noch mehr zur maschinengerechten industriellen Produktionsstätte der artenarmen Monokulturen getrieben. Kaum anders die aus zerstörten Urwäldern zu monotonen Forsten entwickelten Wälder, die aktuell zur Stillung ungezügelten Energiehungers zu Holzplantagen verkommen sind. 

Weshalb wir unverzüglich alle Anstrengungen unternehmen und darauf zielen müssen, dass die Ungestörtheit, Stabilität und Schönheit der Lebensgemeinschaften gewahrt wird, Es ist die Verpflichtung unserer Generation, bestmöglichen Ersatz für Verlorenes zu schaffen. Noch können wir Gebiete neu entwickeln, in denen der Schutz eines „ungezähmten“, möglichst urlandschaftlichen, Areals vor den Einflussnahmen des Menschen im Vordergrund steht und allein bestimmendes Kriterium ist. Der, wie auch immer gearteten, Nutzung des Gebiets zu Zwecken der Befriedigung menschlicher Ansprüche ist dort kompromisslos eine klare Absage zu erteilen.

Im Wildnisgebiet müssen wir Verzicht leisten, unsere eigenen Ansprüche zurückstellen und die Lebensgemeinschaft um ihrer selbst willen erhalten.

Wir hinken mit diesen Bemühungen um die Entwicklung ungenutzter Wildnisgebiete der Erkenntnis LEOPOLDs weit hinterher. Leider gibt es bei uns keine ursprünglichen Lebensräume mehr! Jeder Quadratmeter Boden wurde mehrfach von Menschen beeinflusst und verändert. Weshalb unsere angestrebten Wildnisgebiete zunächst nur „Sekundärbiotope“ sein können und erst im Laufe langer Zeit der Ungestörtheit die ihnen zugehörigen Lebensgemeinschaften hervorbringen können. Wie diese Lebensgemeinschaften dann auch zusammengesetzt sein werden, welche der uns heute vertrauten Arten ihnen angehören werden und im Artenspektrum ihre Funktion in der Biodiversität erfüllen werden, das bleibt dahingestellt. Wir können das nicht vorherbestimmen und müssen die natürliche Entwicklung im evolutionären Kräftespiel, dem natürlichen Wettstreit der Arten geduldig und ohne eigene Begehrlichkeiten, ohne jedwedes Eingreifen, „Planen“ und „Verwalten“ abwarten.

Das Ziel der Wildnisentwicklung ist aktuell hoch gesteckt, insbesondere soweit dies die formulierten Flächengrößen anbetrifft. Es ist sicher unumgänglich, gerade beim Blick auf Tierarten mit großen mobilen Exemplaren bei großem Raumbedarf, wie etwa Elch, Luchs oder Wolf hinreichend große Wildnisräume zu entwickeln. Ob wir hierzulande, wo die Gebietsgrenzen überall an die anthropogen genutzten Areale stoßen werden, etwa dem Wisent als größtem einheimischen Wildtier die für die Ausformung langfristig überlebensfähiger Herden genügend ausgedehnte Gebiete verfügbar machen können, sei dahin gestellt. Es darf aber andererseits kein unumstößliches Dogma sein, dass „Wildnis“ sich allein in mehr als tausend Hektar umfassenden Gebieten entwickeln könne. Auch ALDO LEOPOLD sah das weniger streng; wenngleich auf dem nordamerikanischen Kontinent Flächen ganz anderer Dimension für „wilderness“ verfügbar waren und sind, hat er keineswegs besondere Flächengrößen postuliert. Wildnis bedarf zwar großräumiger Ungestörtheit, sie kann sich aber fallweise auch kleinräumig entwickeln. Entscheidend ist die Ungestörtheit vor der Inanspruchnahme oder irgendwelcher Nutzung durch Menschen. Diese Enthaltsamkeit gegenüber den Nutzungsbedürfnissen ist unerlässlich. Soll aber die Idee von Wildnisgebieten in unserem Land sich letztlich nicht als illusorisch und unerfüllter Traum erweisen weil man die Anforderungen an die jeweiligen Flächengrößen zu hoch gesetzt hat, darf die, vielleicht etwas praxisfern, artikulierte Gebietsgröße eher nur ein anzustrebender Richtwert sein. Entscheidend ist die Chance, die eine Lebensgemeinschaft zur ungestörten „wilden„ Entwicklung in ihrem Lebensraum erfährt. 

Wildnisgebiete bewahren die biologische Vielfalt, der wir den nötigen Respekt zollen müssen.

Weshalb das Vogelschutz-Komitee das in seinem Eigentum stehende moorige Waldgebiet „Der Zarth“ bei Treuenbrietzen jetzt durch aufwändige Biotop restaurierende Maßnahmen in die Lage zur Moorregeneration versetzt hat. Bei Unterlassung aller wirtschaftlichen Nutzung und sonstiger Einwirkung soll sich fast 300 ha Waldgebiet ungestört als „Wildnis“ entwickeln.

Insbesondere wegen der ungewissen Zukunft, die uns der ja schon längst eingetretene und nicht mehr abzuwendende Wandel des Klimas bereitet, bedarf es der Bereitstellung von Wildnisgebieten, in denen die biologischen Arten, ob Pflanzen, Tiere , Pilze usw. in ihrem biologischen Potenzial und in der Befähigung zur Anpassung an neue Herausforderungen ihrer Umwelt und Lebensbedingungen sich evolutiv behaupten können. Anders wird das wunderbare Konzept der „Biodiversitätsstrategie“ sich als betrüblicher „Flop“ erweisen, der unserer Nachwelt eine durch Artenarmut gekennzeichnete, ausgeplünderte Umwelt hinterlässt.  

Dr. Eberhard Schneider  

Im Vsk-eigenen Schutzgebiet „Der Zarth bei Treuenbrietzen“ hat die Entwicklung von „Wildnis“ eine Chance.





Frankfurt/Berlin/Hamburg/München (ots) – www.wildnis-in-deutschland.de ist die neue Webseite mit allem, was man zu Wildnis in unserem Land wissen muss. Das Portal wendet sich an diejenigen, die das Thema „Wildnis“ in Deutschland voranbringen wollen und gibt ihnen Argumente, Hintergründe und Material an die Hand.
http://www.blogspan.net/presse/wildnis-in-deutschland-alles-wichtige-auf-einen-blick/mitteilung/1100495/


Presseinformation der Gregor Louisoder Umweltstiftung

 

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